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Essstörungen und Internet -Chancen und Risiken

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Wer im Internet zum Thema Essstörungen recherchiert, der findet umfassende Informationen zur Symptomatik von Magersucht, Bulimie oder Binge Eating, Hintergründe darüber, wie sich Essstörungen entwickeln, woran man sie erkennt und wie sie behandelt werden, wo man Hilfe finden kann und auch, welche Risiken mit Essstörungen verbunden sind. Im Internet kann man aber auch erfahren, wie man eine Essstörung besser vor den eigenen Eltern verheimlicht, welche Nahrungsmittel sich leicht erbrechen lassen, in welcher Reihenfolge man sie dazu essen sollte, und warum es angeblich besser ist, magersüchtig zu sein als zu dick.

Die Frage, warum Menschen sich die Mühe machen, Internetangebote zu Ursachen, Therapiemöglichkeiten und Listen von Anlaufstellen für Essgestörte zu erstellen, ist leicht beantwortet: Um Betroffenen, Angehörigen und Fachleuten zu helfen und sie in Ihrem Kampf gegen die Essstörung zu unterstützen - unter anderem durch Informationen, Zuspruch und Anteilnahme. Das kann aus beruflichem Antrieb heraus erfolgen wie bei der Bundeszentrale für Gesundheitliche Aufklärung oder durch rein ehrenamtliches Engagement wie bei den Internetseiten des Hungrig-Online e.V.

Die Frage, warum jemand eine sogenannte Pro-Ana-Seite veröffentlicht, ist dagegen nicht so einfach zu beantworten. In den allermeisten Fällen geschieht dies sicher nicht, um Betroffenen zu schaden - auch wenn eben genau das die Gefahr ist, die von solchen Seiten ausgeht. Warum also gibt es Pro-Ana-Seiten?

Was sind Pro-Ana-Seiten?

Auf Pro-Ana- (verkürzt für "Pro-Anorexie") und Pro-Mia- (für "Pro-Bulimie") -Seiten tauschen sich überwiegend Mädchen und junge Frauen via Chat, Blog oder (meist passwortgeschützte) Foren über ihre Essstörung aus. Magersucht wird als extremes Schlankheitsideal, gar als Lebensstil beschrieben. Ziel ist es, unter Einsatz aller Mittel Autonomie und Kontrolle über den eigenen Körper und das Hungergefühl zu erreichen und dies aufrechtzuerhalten. Dazu bieten die Websites auch Texte an (z.B. 10 Gebote Anas, Anas Brief) und zeigen oftmals nachbearbeitete Bilder entweder besonders dünner Menschen als Vorbild oder besonders dicker Menschen als Abschreckung (sogenannte "Thinspirations"). In der farblichen Gestaltung und der Auswahl von Bildern und Icons der Webseiten (oft Celebreties oder Teenie-Stars, aber auch Feen oder Blumen) erinnern die Seiten oft an Poesie-Alben.

Die Essstörung wird personifiziert ("Meine Freundin Ana") und glorifiziert. Aufschlussreich ist die Beobachtung, dass es wesentlich mehr Pro-Ana-Inhalte gibt als Pro-Mia-Seiten, obwohl der Anteil der Betroffenen, die an Bulimie leiden, um ein vielfaches höher ist als der mit Magersucht. Während Bulimie als Schwäche und Grund zur Scham empfunden wird, wird Anorexie mit Willenskraft und Durchhaltevermögen gleichgesetzt - und deshalb von den Betroffenen glorifiziert und als erstrebenswert angesehen. Für "Mia"s hat "Pro-Ana" daher besondere Anziehungskraft.

Medienphänomen Pro-Ana

Pro-Ana ist nicht ausschließlich ein Internetphänomen. In erster Line ist Pro-Ana vielmehr ein Medienphänomen. Erst durch die sensationsheischende Berichterstattung über das vermeintliche Überschwappen einer Pro-Ana-Bewegung nach Deutschland werden junge Menschen, die an einer Essstörung leiden oder in Begriff sind, eine zu entwickeln, auf diese Seiten aufmerksam.

Falsch ist auch der oft vermittelte Eindruck, bei den "Anhängern" der "Bewegung" würde es sich um eine eingeschworene, homogene Nutzergruppe handeln. Tatsächlich ist es eine Gruppe von Menschen mit unterschiedlichsten Hintergründen und Leidensgeschichten, wie sie inhomogener nicht sein könnte: In Pro-Ana-Foren finden sich von sogenannten "Wanna-Be"s, also Personen, die (noch) gar nicht essgestört sind, aber aus Unwissenheit oder schierer Dummheit glauben, eine Essstörung sei eine akzeptable und praktikable Lösung existierender oder nichtexistierender Gewichtsprobleme, bis hin zu Betroffenen, die schon mehrere erfolglose Therapien hinter sich haben und in ihrer Essstörung das einzige probate Mittel sehen, um erlittene Traumata zu ertragen oder sich davon abzulenken, unterschiedlichste Charaktere. Freilich werden nicht alle gleichermaßen von den immer gleichen Pro-Ana-Inhalten angesprochen. Viele suchen auch nur eine ungefilterte und unreglementierte Möglichkeit, sich untereinander auszutauschen und als Essgestörte Verständnis, Zuspruch und Anerkennung zu finden.

Was tun gegen Pro-Ana-Seiten?

Aus eben dieser Vielschichtigkeit des Nutzerkreises von Pro-Ana-Seiten sollte man auch entsprechend vielschichtige Maßnahmen gegen Pro-Ana-Seiten ableiten. Diese Maßnahmen sollten sich auch immer gegen die Seiten und deren schädlichen Inhalte, nicht aber gegen ihre Nutzer richten.

Gesetze und Regelungen zum Jugendschutz bieten rechtliche Handhabe gegen die Verbreitung von Pro-Ana-Inhalten, insbesondere unter Kindern und Jugendlichen. In der Regel verstoßen die meistens selbst minderjährigen Ersteller von Pro-Ana-Seiten bereits gegen die Nutzungsbedingungen der ihnen den Webspace zur Verfügung stellenden Provider. Viele dieser Provider sind inzwischen aufgrund der Aufklärungsarbeit durch Institutionen wie jugendschutz.net in den vergangenen Jahren sensibilisiert und löschen von sich aus, spätestens aber nach einem entsprechenden Hinweis, Seiten mit entsprechenden Inhalten. Auf diese Weise lassen sich zwar die Seiten löschen; die Inhalte verschwinden dadurch allerdings nicht. Häufig wandern die Betreiber zu Anbietern ab, die nicht der deutschen Gerichtsbarkeit unterliegen, sofern die Sprachbarriere für Einrichtung und Unterhaltung des Angebots sie nicht daran hindert.

Den oftmals erwachsenen Nutzern der Kommunikationsangebote, die durchaus den Zynismus der einschlägigen Pro-Ana-Inhalte durchschauen und denen es eher um den ungestörten und unreglementierten Austausch geht, sollten hierfür bessere Alternativen geboten werden.

Geklärt werden muss in Zukunft, welche Mindest-Regeln für einen verantwortungsvollen und reflektierten Austausch zum Thema Essstörungen gelten müssen, welche Rahmenbedingungen notwendig sind, um dies zu gewährleisten, und wer die Verantwortung dafür zu übernehmen bereit ist. Die Erfahrungen, die der Verein Hungrig-Online e.V. auf dem Gebiet der internetbasierten Kommunikation zum Thema Essstörungen gesammelt hat, können hier eine tragfähige Ausgangsbasis sein.

Zu Hungrig-Online e.V.:
Der gemeinnützige Verein Hungrig-Online e.V. betreibt Informations- und Kommunikationsangebote zu Essstörungen im Internet. Die seit dem Jahr 1999 bestehenden Internetseiten gelten als die weltweit größte deutschsprachige Online-Selbsthilfegruppe zum Thema Essstörungen. Mit über 50 ausschließlich ehrenamtlichen Mitarbeitern leistet der Verein Aufklärungs- und Präventionsarbeit im Internet und versucht, Betroffene und Angehörige bei der Bewältigung der Essstörung zu unterstützen.

Dieser Text ist in Ausgabe 65 (Dezember 2009) des Newsletters Impulse der Landesvereinigung für Gesundheit und Akademie für Sozialmedizin Niedersachsen e. V. (LVG & AFS Niedersachsen e.V.) erschienen.

Der Newsletter ist nun auch unter www.gesundheit-nds.de online verfügbar.