Daniela Kölz - Wolfgang Gawlik - Regina Brauner
Pro-Ana-Seiten im Internet sind gefährlich. In ihnen drückt sich mangelnde Krankheitseinsicht und Verkennung der Risiken einer Essstörung aus. Pro-Ana spiegelt eine Pseudo-Autonomie vor, die auch als Flucht vor einengenden, überprotektiven Normen in der Lebensgeschichte der Betroffenen verstanden werden kann. Dennoch weisen Pro-Ana-Seiten Selbsthilfe- und Präventionsaspekte auf. Welche das sind, war Thema eines Vortrags, der unter Mitwirkung von Hungrig-Online entstand und auf dem Kongress Essstörungen 2006 in Alpbach gehalten wurde. Der Vortrag basiert auf einer Diplomarbeit von Daniela Kölz an der Evangelischen Fachhochschule Nürnberg.
Der Begriff Pro-Ana steht verkürzt für Pro-Anorexie und stellt ein Bekenntnis zur Magersucht dar. Als Pro-Anas bezeichnen sich Menschen mit und auch ohne Diagnose Magersucht, die einem krankhaften Schlankheitsideal nacheifern und dazu radikale Maßnahmen einsetzen. Mangelnde Krankheitseinsicht drückt sich in dem Wahlspruch „Anorexia is a lifestyle, not a desease“ aus. Das Phänomen Pro-Ana ist im wesentlichen auf das Internet beschränkt.
| Tabelle 1: Pro-Ana-Inhalte | |
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| Tabelle 2: Inhalte von Hungrig-Online | |
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Inwieweit enthalten nun auch Pro-Ana-Websites Präventionsaskepte? Nach "Fördern und Fordern – Ein Leitfaden für Krankenkassen und Selbsthilfegruppen." dient primäre Prävention der Verhinderung der Entstehung von Essstörungen. Sekundäre Prävention zielt auf ein möglichst frühzeitiges Erkennen und Behandeln konkret drohender oder bestehender Essstörungen ab, und tertiäre Prävention dient der Verhinderung von Folgeschäden oder Rückfällen. Die Verschlimmerung einer bereits fortgeschrittenen Essstörung soll eingedämmt werden.
Konkret kann Prävention von Essstörungen beinhalten:
- Die Aufklärung über Essstörungen und Möglichkeiten zur Suche nach Hilfe,
- Die Darstellung der Risiken und negativen Folgen,
- Die Vermittlung von Informationen zur Wikungsweise und zu Nebenwirkungen von Laxantien, Diuretica und Appetitzüglern,
- Hinweise zur richtigen Mundhygiene nach dem Erbrechen zur Begrenzung von Zahnschäden,
- Warnende Schilderungen exzessiven Ess- und Sportverhaltens
- Und die Warnung vor Pro-Ana selber
Präventionsaspekte von Pro-Ana-Seiten sind zum Beispiel:
- Es finden sich Hinweise auf Beratungsstellen und Links zu therapieorientierten Angeboten.
- Tipps zur Zahnpflege bei Bulimie oder Nahrungsergänzungsmitteln bei Anorexie verringern gesundheitliche Risiken und Spät- und Langzeitfolgen.
- Und bei aller Verharmlosung werden die Gefahren von Essstörungen zumindest erwähnt.
- Durch die Präsenz im Internet und die leichte Erreichbarkeit entsteht eine gefährliche Anziehungskraft der Angebote,
- und die angebotenen Informationen animieren zum Ausprobieren und Nachahmen, haben eine Modellwirkung und verharmlosen die Konsequenzen.
- Der Spruch „Magersucht ist ein Lebensstil, keine Krankheit“ zeugt von der mangelnden Krankheitseinsicht,
- Rückfälle werden zum Dauerzustand und
- die Krankheit wird beibehalten und die Symptome gefördert.
„In Selbsthilfegruppen tauschen sich Betroffene untereinander aus, geben sich Informationen über Behandlungsmöglichkeiten und unterstützen sich beim Erlernen neuer Verhaltensweisen.“
Die positiven Aspekte einer SHG können demnach sein:
- Entlastung von der Essstörung,
- die Überwindung von Scham,
- das Herauskommen aus der Heimlichkeit,
- die Aktivierung und Gegensteuerung zur Isolation,
- der Aufbau von Beziehungen,
- die Stärkung der Eigenverantwortlichkeit und Autonomie,
- eine Hilfestellung für den Alltag und
- der Austausch mit gleichfalls Betroffenen und die gegenseitige Unterstützung.
Zur Erläuterung dazu, wie die genannten Aspekte von Selbsthilfe auf Pro-Ana-Websites und die Kommunikation auf ihnen zutreffen, werden hier einige Aussagen von Pro-Anas zitiert:
„Wir reden über Therapien, helfen uns gegenseitig bei Depressionen und Problemen im Privatleben.“
„Die wissen genau, was ich durchmache und verurteilen mich nicht für meine Gefühle.“
„Wir hungern gemeinsam, wir tauschen Erfahrungen aus, wir reden, wir trösten, wir motivieren uns – deswegen sind wir pro.“
„Die Foren sind ein Platz für uns, wo wir uns verstanden fühlen, offen reden können, uns nicht verstellen müssen. Ohne Foren würden wir noch mehr vereinsamen.“
„Man fühlt sich nicht mehr so alleine mit dem Problem. Alleine zu sein ist schlimmer als die Sache selbst.“
Legt man den Kriterienkatalog der Selbsthilfe an Pro-Ana-Websites an, dann ist festzustellen, dass einige dieser Kriterien auch für Pro-Ana-Websites zutreffen, wenn auch oft mit einem „Ja, aber“: Pro-Ana-Websites tragen zur Entlastung und zur Überwindung von Scham bei. Die Heimlichkeit wird aufgegeben, zumindest gegenüber Gleichgesinnten. Das betrifft auch die Überwindung der Isolation. Pro-Ana wird zum definierenden Moment einer Gruppenzugehörigkeit, deren Isolation zur Umwelt beibehalten bleibt. Die Anonymität kann gewahrt bleiben. Beziehungen werden aufgebaut; allerdings sind diese Beziehungen als pathologisch zu bezeichnen. Die Eigenverantwortlichkeit und Autonomie, die mit der Essstörung gesucht wird und die von Pro-Ana verfochten wird, ist eine Pseudoautonomie. Es wird eine Hilfestellung für den Alltag gegeben, aber diese ist in der Regel selektiv auf die Beibehaltung der Essstörung gerichtet. Zweifellos findet ein Austausch mit gleichfalls Betroffenen statt, die sich gegenseitige Unterstützung gewähren.
Der Vortrag kommt zu dem Schluss, dass Pro-Ana-Websites auch Selbsthilfeaspekte aufweisen; die genannten Kriterien treffen, gegegebenfalls mit Einschränkungen, zu. Die Motivation zur Therapie, die zitiert wurde, ist vielleicht sogar wirkungsvoller, wenn sie aus der selben Peer-Group kommt. Das Problem besteht darin, dass die Symptome der Essstörung beibehalten, gefördert und sogar zum Identitätsmerkmal erhöht und als positiv betrachtet werden. Ein Zusatz „zur Bekämpfung der Krankheit“ würde bei vielen Kriterien der Selbsthilfe für Klarheit sorgen.






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