Bleiben Menschen, die nicht alle Diagnosekriterien einer Magersucht oder Bulimie erfüllen, therapeutisch auf der Strecke?
"Nicht näher bezeichnete Essstörung" (EDNOS) ist die am weitesten verbreitete Essstörungsdiagnose. In der ambulanten Praxis betrifft sie durchschnittlich 60 Prozent aller essgestörten Patientinnen. Weil die Kriterien einer Magersucht oder Bulimie nicht hundertprozentig erfüllt sind, wird der Therapiebedarf der EDNOS oft unterbewertet. Aktuelle Studien belegen jedoch, dass die Betroffenen gesundheitlich ebenso beeinträchtigt sind wie Patienten mit einer diagnostizierten Bulimie. Laut einer Studie der University of Minnesota mit 1.885 Studienteilnehmern ist das Mortalitätsrisiko bei EDNOS zudem ähnlich hoch wie bei Anorexie.
Anspruch auf Therapie und Kostenübernahme
"Menschen mit atypischen Formen der Magersucht, Bulimie oder
anderen nicht näher bezeichneten Essstörungen, zu denen derzeit
auch noch die Binge-Eating- beziehungsweise Essanfallstörung
zählt, haben den gleichen Anspruch auf eine Behandlung wie Patienten
mit einer Volldiagnose. Die Diagnose wirkt sich – entgegengesetzt
mancher Berichte – nicht auf die Kostenübernahme durch die
Krankenkassen aus. Noch mangelt es grundsätzlich an geeigneten
Therapien. Problematisch ist, dass die EDNOS als Sammelkategorie
für „unvollständige“ Krankheitsbilder von Ärzten, Patienten und
Angehörigen oftmals unterschätzt und die Behandlung nicht früh genug
eingeleitet wird", sagt Birgit Mauler, Leitende Psychologin der
Christoph-Dornier-Klinik für Psychotherapie in Münster.
Unter EDNOS fallen zum Beispiel Frauen, die alle Anzeichen einer Magersucht aufweisen, aber eine regelmäßige Menstruation haben. Alternativ kann ihnen als spezifisches Kriterium der Anorexie die ausgeprägte Angst vor einer Gewichtszunahme fehlen. Gleiches gilt für Menschen, die alle Kriterien der Bulimie erfüllen, nur dass die Essanfälle seltener als zweimal pro Woche seit weniger als drei Monaten auftreten. Auch Personen, die infolge einer radikalen Diät mehr als 25 Prozent ihres Körpergewichtes verloren haben, aber normalgewichtig sind, verfehlen das Vollbild einer Anorexie. Obwohl sie ähnliche Mangelerscheinungen wie Magersüchtige zeigen.
Diagnose EDNOS verschleiert Therapiebedarf
"In der Praxis treten Essstörungen häufig in facettenreicherer Form
auf als in den medizinischen Klassifikationssystemen abgebildet.
Deshalb ist es wichtig, dass Ärzte und Psychologen nicht nur die
spezifischen Kriterien abhaken, sondern sehr genau nachfragen,
wie sich die individuelle Essstörung darstellt und auf das Leben der
Betroffenen auswirkt. Auch wenn eine Essstörung keinem spezifischen
Krankheitsbild zugeordnet werden kann, bedeutet das nicht
notwendigerweise, dass der oder die Betroffene keine Behandlung
erhält. Allerdings scheint die Diagnose EDNOS mitunter den
dringenden Therapiebedarf zu verschleiern, nach dem Motto:
Wenn man "nur" eine atypische Form der Magersucht oder Bulimie
hat oder gar eine "Essstörung, nicht näher bezeichnet", wird das
Problem schon nicht so groß sein", erläutert die Münsteraner Diplom-
Psychologin.
Tatsächlich ist das Gegenteil der Fall, wie eine Vielzahl jüngerer Studien belegt, die EDNOS mit Anorexie, Bulimie und auch mit der Binge-Eating-Störung verglichen haben. So stellte sich beispielsweise heraus, dass mehr als die Hälfte der EDNOS-Patienten in der Vergangenheit eine voll ausgeprägte Magersucht oder Bulimie hatten, beziehungsweise diese im Verlauf der Studie entwickelten.
Atypische Essstörung oft Durchgangsstation
Manche Experten betrachten nicht näher bezeichnete und atypische
Essstörungen daher auch als eine Art Durchgangsstadium, wobei
am Ende des Weges sowohl eine Besserung als auch eine
Verschlechterung der Symptomatik stehen kann. Dieser Aspekt
sollte vor allem bei essgestörten Kindern und Jugendlichen
berücksichtigt werden.
Belegt ist zudem, dass Menschen mit der Diagnose EDNOS ebenso häufig unter Depressionen leiden wie Anorexie- und Bulimie-Patienten. Ihr Gesundheitszustand und ihre allgemeine Funktionstüchtigkeit sind gleichermaßen stark beeinträchtigt wie im Fall einer Bulimie. Lediglich Anorexie-Patienten schneiden, vor allem aufgrund ihres Untergewichtes, noch schlechter ab.
Therapie setzt Veränderungsmotivation voraus
"Entscheidend für eine Therapie sind in jedem Fall der individuelle
Leidensdruck sowie die persönliche Motivation die eigene Lebens-
situation zu verändern. Welche Aspekte in der Behandlung dann im
Vordergrund stehen, zum Beispiel die Lebensstilveränderung, der
Aufbau eines gesunden Selbstwertgefühls oder einer Gefühlsregulation
jenseits des Essens, entscheidet der Einzelfall. Je nachdem, welchem
Haupttyp – Magersucht, Bulimie oder Binge-Eating-Störung – die
Essstörung des Patienten am nächsten kommt", erklärt Birgit Mauler.
Ausführliche Informationen zum Thema Essstörungen erhalten Interessierte im Internet unter www.c-d-k.de. Außerdem bietet die Christoph-Dornier-Klinik Betroffen und Angehörigen jeden Mittwoch von 17 bis 20 Uhr ein kostenloses Beratungstelefon an unter der Rufnummer 0251/48 10-110.
Quelle: Pressemitteilung der Christoph-Dornier-Klinik





