Hungern geht an die Substanz. Nicht nur der Körper, auch das Gehirn verliert an Masse. An Therapie ist dann kaum zu denken.
Keine andere psychische Erkrankung schadet dem Körper mehr als die Magersucht, keine zieht mehr Todesfälle nach sich. Andauerndes Hungern verursacht Herzrhythmus- und Elektrolytestörungen, Amenorrhö und Osteoporose. Auch das Gehirn verändert sich: Binnen weniger Monate büßen Magersüchtige graue Hirnmasse ein und damit wahrscheinlich auch intellektuelle Fähigkeiten. Solange der Körper ums Überleben kämpft, kann die Seele nicht genesen.
Die Behandlung einer Magersucht setzt Krankheitseinsicht und Therapiemotivation voraus. Ein stark untergewichtiger Mensch ist jedoch kaum in der Lage, die nötige Einsicht oder Willensstärke aufzubringen, um sein Verhalten zu ändern. "Die Körperfunktionen sind auf eine Notversorgung heruntergeregelt, die Wahrnehmung ist erheblich eingeschränkt. Verschiedene Studien belegen, dass hormonelle und neuronale Veränderungen die kognitiven Fähigkeiten von Magersüchtigen beeinträchtigen. Deshalb muss zuerst der körperliche Mangel behoben werden, bevor psychische Faktoren, die die Krankheit aufrecht erhalten, sowie Hintergrundkonflikte bearbeitet werden können", erläutert Klaus Oelbracht, stellvertretender leitender Psychologe der Christoph-Dornier-Klinik in Münster.
An Gewichtszunahme führt kein Weg vorbei
Doch genau darin liegt häufig das Problem. Die mit dem Untergewicht einhergehenden Mangelerscheinungen verstärken die Angst vor dem Dicksein, den Heißhunger und die verzerrte Sicht auf den eigenen Körper. Jedes Gramm mehr versetzt Magersüchtige in Panik. Dennoch führt an einer sogenannten dosierten Gewichtszunahme kein Weg vorbei. Es ist wichtig, dass Magersüchtige auf diesem Weg professionell begleitet werden. Denn Appelle an die Vernunft helfen hier nicht weiter.
"Weil die Gewichtszunahme am Anfang so wichtig und gleichzeitig so schwierig ist, darf sie nicht allein dem Patienten überlassen werden. Magersüchtige sind mit der Verantwortung dafür meist überfordert und brauchen einen Therapeuten an ihrer Seite, um ihr ambivalentes Verhältnis zum Essen zu überwinden. Es hilft, Nahrung anfangs wie ein Medikament zu betrachten, das regelmäßig in einer bestimmten Dosis unter therapeutischer Anleitung eingenommen werden muss", erklärt der Münsteraner Psychologe Klaus Oelbracht.
Diese Form der kontrollierten Gewichtszunahme ist nicht zu verwechseln mit der häufig kritisierten Zwangsernährung, welche bei lebensbedrohlichem Untergewicht unvermeidbar sein kann. Ziel ist zwar in beiden Fällen, körperliche Mangelzustände zu beheben und das Gewicht zu stabilisieren. Bei der dosierten Gewichtszunahme geschieht dies aber über eine schrittweise Normalisierung des Essverhaltens.
Gehirn muss neue Lernerfahrungen verarbeiten können
Später schließt das auch die Einnahme von "bedrohlichen" Speisen ein. Konfrontationsübungen helfen, aufkeimende Ängste zu bewältigen. Solche Übungen sind sehr intensiv und durchaus belastend, aber auch hochwirksam. Sie funktionieren jedoch erst ab einem bestimmten Körpergewicht, wenn aufgrund der verbesserten körperlichen Situation auch das Gehirn wieder in der Lage ist, neue Lernerfahrungen zu verarbeiten.
Gleiches gilt für die ebenso wichtige Auseinandersetzung mit dysfunktionalen Ansichten, beispielsweise zum Verhältnis von Figur und Selbstwert. Auch die Wahrnehmung und der Umgang mit Gefühlen können erst verbessert, ein positives Körperbewusstsein erst aufgebaut und weitere psychische Störungen erst behandelt werden, wenn der Körper nicht mehr ums Überleben kämpfen muss.
Beratungshotline: Weitere Informationen erhalten Interessierte im Internet unter www.c-d-k.de. Mittwochs von 17 bis 20 Uhr stehen Therapeuten der Klinik unter der Rufnummer 0251/4810-110 für eine kostenlose Beratung zur Verfügung.
Quelle: Christoph-Dornier-Klinik für Psychotherapie, Pressemitteilung, Münster, 6. Oktober 2010 -- Welttag der seelischen Gesundheit am 10.10.2010





