Viele Menschen mit den verschiedensten Essstörungen haben sich, zum Teil neben oder nach einer therapeutischen Behandlung, zu Selbsthilfegruppen zusammengeschlossen. Zumeist sind es betroffene Frauen, die den Mut finden, über ihre Essstörungen zu sprechen. Aber auch Männer wagen diesen Weg. Sie alle wollen sich über die mit ihren Essgewohnheiten verbundenen seelischen, körperlichen und sozialen Empfindungen und Probleme aussprechen und einander helfen.
Oft ist es der Wunsch: "Ich will mal wissen, wie es anderen geht, die das gleiche haben, wie ich", der in eine Selbsthilfegruppe führt. Dieser Wunsch, Gleichbetroffene zu finden, ist ein ganz wichtiges Motiv, an einer Selbsthilfegruppe teilzunehmen oder eine zu gründen. Menschen, die zu viel essen, denken zuerst auch an Gruppen mit Menschen, die dick sind, und Menschen, die ihren Körper aushungern wollen, können sich nicht vorstellen, sich mit "Dicken" zusammenzutun.
Das ist verständlich, muss aber nicht so sein. Denn jedes problematische Handeln hat Gründe und Absichten, die man oft vor sich und anderen gut versteckt hält, und die zu entdecken jedem Angst bereitet. Diese Gründe und Absichten ähneln einander, so dass sich durchaus Menschen mit unterschiedlichen Essstörungen erfolgreich zusammenfinden können.
Wichtig ist, dass das verbreitete Missverständnis ausgeräumt wird, Störungen des Eßverhaltens seien gleichbedeutend mit Gewichtsproblemen. Das ist nicht der Fall und besonders für Normalgewichtige, die unter gestörtem Essverhalten leiden, folgenschwer. Denn diese stoßen dann auf Unverständnis und haben es besonders schwer, über ihr "süchtiges" Verhalten und ihre Probleme zu sprechen.
Selbsthilfegruppen von Menschen mit gestörtem Essverhalten arbeiten nicht als Abmagerungs- oder Diätgruppe. Darüber muss Klarheit hergestellt werden. Die Waage wird oft ganz aus dem Gruppengeschehen verbannt und sogar der Austausch über das momentane Gewicht wird nicht selten tabuisiert. Der Sinn ist, eher über seine Gefühle und die Hintergründe des Verhaltens zu sprechen.
Wie wirkt die Selbsthilfegruppe?
Die Erfahrung, eine/r von vielen zu sein, wirft die Frage auf, was einen selbst und die anderen eigentlich zu dem problematischen Essverhalten bewegt. Diese Frage ist der erste Schritt zur Problembewältigung und der Anfang der Selbstentwicklung. Die Gruppe bietet dabei einen großen seelischen Halt. Dabei ist es egal, ob sie/er abgenommen, sein Gewicht gehalten oder zugenommen hat.
Die Gruppe stärkt das Selbstvertrauen und spornt an, alte, eingefahrene Verhaltensweisen zugunsten neuer aufzugeben. Sie stützt diese Gehversuche auch gegen Attacken aus dem persönlichen Lebensrahmen, denn oft wollen Familie oder Freunde gar keine tiefergehende Veränderung der "gewichtigen" oder "ungewichtigen" Rolle der unmittelbar Betroffenen. Das Erlebnis, das es anderen Gruppenteilnehmern in vielem ähnlich geht, ermutigt zur Offenheit und gibt die Zuversicht, Verständnis zu finden. Dadurch werden Heimlichkeit und Isolation aufgehoben.
Jede/r vertritt sich in der Gruppe selbst und lernt dadurch, Verantwortung für sich zu übernehmen und Beziehungen aufzubauen, die nicht durch das Essverhalten gestört sind. Man entdeckt wieder andere Eigenschaften an sich und entwickelt neue Möglichkeiten. Es dreht sich nicht mehr alles ums Körpergewicht.
Was tun bei Schwierigkeiten?
Es ist wichtig, sich mit anderen Selbsthilfegruppen auszutauschen und voneinander zu lernen. Andere Selbsthilfegruppen haben oder hatten möglicherweise vergleichbare Probleme und können von ihren Lösungsversuchen berichten. Oder sie können dazu beitragen, die Bedeutung eines Problems richtig einzuschätzen. Treffen zum Erfahrungsaustausch ("Gesamttreffen") sollten regelmäßig, am besten monatlich stattfinden. Sie sind auch der beste Ort, um organisatorische Fragen zu besprechen (Räume, Information der Öffentlichkeit, gemeinsame Aktivitäten usw.) und um zur Beratung mit Fachleuten zusammenzutreffen, ohne die Selbständigkeit zu beeinträchtigen.
Wo sie vor Ort Unterstützung finden können
Besonders günstig ist es, wenn in Ihrer Nähe eine lokale Kontakt- und Informationsstelle für Selbsthilfegruppen besteht. Dort können Sie sich über Selbsthilfegruppen informieren und Gruppenkontakte erhalten. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter dieser Einrichtungen bieten praktische Hilfestellung bei der Gruppengründung und bei der Öffentlichkeitsarbeit an, Sie stellen Hilfsmittel für die Arbeit und Räume für die Treffen zur Verfügung oder vermitteln diese. Sie beraten bei Schwierigkeiten in der Selbsthilfegruppenarbeit. Sie sorgen für den kontinuierlichen Kontakt von Selbsthilfegruppen und organisieren Treffen zum Erfahrungsaustausch ("Gesamttreffen").
Solche Kontaktstellen bestehen bereits an vielen Orten. Die Adressen stehen im Telefonbuch, in entsprechenden Rubriken lokaler Zeitungen oder sind bei der Nationalen Kontakt- und Informationsstelle zur Anregung und Unterstützung von Selbsthilfegruppen (NAKOS) zu erfahren.
Wenn eine solche Kontakt- und Informationsstelle für Selbsthilfegruppen in Ihrer Nähe nicht besteht, können Sie durchaus auch Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter anderer Einrichtungen ansprechen. Viele Beratungsstellen, die Wohlfahrtsverbände, die Gesundheitsämter, die sozialen Dienste der Krankenkassen und auch Ärztinnen und Ärzte haben oft Kontakte zu Selbsthilfegruppen und können Ansprechpersonen vermitteln. Sie sind meist auch gerne bereit, den Aufbau von Selbsthilfegruppen zu unterstützen. Sie können bei der Suche nach weiteren Interessierten und nach einem Raum behilflich sein.
Wenn Sie weitere Informationen wünschen, Kontakte zu bestehenden Selbsthilfegruppen aufnehmen oder selbst eine Gruppe gründen möchten, wenden Sie sich an die Nationale Kontakt- und Informationsstelle zur Anregung und Unterstützung von Selbsthifegruppen (NAKOS), die Kontaktinformationen entnehmen Sie bitte der unten aufgeführten Quellenangabe.
Quelle: Faltblatt herausgegeben von der Nationalen Kontakt- und Informationsstelle zur Anregung und Unterstützung von Selbsthilfegruppen (NAKOS), Albrecht-Achilles-Straße 65, 10709 Berlin. Telefon: 030 / 891 40 19, Telefax: 030 / 893 40 14, eMail: nakos@gmx.de, Internet: http://www.nakos.de
Hier gibt es Informationen zur Selbsthilfe insbesondere für Jugendliche:






