Hungrig-Online

Information und Kommunikation bei Essstörungen

  • Schrift vergrößern
  • Standard-Schriftgröße
  • Schriftgröße verkleinern
Home Häufige Fragen Antidepressiva Nimmt man von Antidepressiva zu?

Nimmt man von Antidepressiva zu?

E-Mail Drucken PDF
Benutzerbewertung: / 5
SchwachPerfekt 
Einer der Gründe, warum Antidepressiva abgelehnt werden, ist die Angst vor einer unkontrollierten Gewichtszunahme. Antidepressiva wirken am Zentralen Nervensystem und können dort auch eine Veränderung von Appetit und Essverhalten mit beeinflussen und so zu einer Gewichtszunahme beitragen.
Allerdings steuert und beeinflusst nicht das Medikament allein das Essverhalten, sondern wie viel oder wie wenig man isst, wird letztlich von einer ganzen Vielzahl von Einflussfaktoren bestimmt. So kann natürlich auch die zugrunde liegende psychische Problematik oder eine Veränderung des Appetits im Verlauf einer Erkrankung eine Rolle spielen.

Jeder Mensch reagiert auf Antidepressiva anders und es ist durchaus möglich, dass dasselbe Antidepressivum bei einer Person appetitsteigernd wirkt und bei einer anderen zu Appetitverlust führt oder sich überhaupt nicht auf das Essverhalten auswirkt. Außerdem führen nicht alle Antidepressiva in gleichem Ausmaß zu Veränderungen des Essverhaltens. Aufgrund der biochemischen Eigenschaften sind bei einigen Antidepressiva Gewichtszunahmen wahrscheinlicher als bei anderen. Ob und in welchem Ausmaß der Appetit gesteigert oder gedämpft wird, hängt unter anderem von der unterschiedlichen Beeinflussung der verschiedenen Neurotransmitter und der dazugehörigen Rezeptoren ab.

Einige Nebenwirkungen von Antidepressiva treten auf, weil Serotonin selbst eine unerwünschte Eigenwirkung haben kann. Durch das Antidepressivum wird ja die Konzentration des Neurotransmitters Serotonin im synaptischen Spalt erhöht. Dadurch wird natürlich erstmal die erwünschte Wirkung vermittelt, also in der Regel Antriebssteigerung, Stimmungsaufhellung und Anxiolyse (Angstlösung). Das Serotonin kann aber auch unerwünschte Wirkungen haben. Es gibt viele verschiedene Serotonin-Rezeptoren und für die Art der Wirkung ist entscheidend, an welchen Rezeptor das Serotonin sich bindet. Wichtig sind drei Rezeptoren: 5-HT1, 5-HT2 und 5-HT3.

  • wenn sich das Serotonin an den 5-HT1-Rezeptor bindet, wirkt es angstlösend und antidepressiv (erwünscht).
  • am 5-HT2-Rezeptor bewirkt Serotonin eine Antriebssteigerung (erwünscht), kann aber auch Schlaflosigkeit und Sexualstörungen verursachen (Nebenwirkung).
  • am 5-HT3-Rezeptor kann Serotonin Übelkeit/Appetitlosigkeit und Kopfschmerzen verursachen.

    Manche Antidepressiva, besonders Fluoxetin (z.B. Fluctin®) werden erfolgreich bei Bulimie als "Fressbremse" eingesetzt. Es ist aber noch nicht ganz klar, ob die durch das Serotonin verursachte Appetitlosigkeit, die ja eigentlich eine Nebenwirkung ist, das ist, was bei der Bulimie hilft, oder ob es andere Wirkfaktoren gibt. Auch Selektive Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmer wie zum Beispiel Reboxetin (z.B. Edronax®) können als Nebenwirkung eine Minderung des Appetits aufweisen.

    Die zweite Gruppe von Nebenwirkungen wird durch Rezeptorblockaden verursacht. Das heißt, das Medikament selbst (und nicht das Serotonin) bindet sich an einen Rezeptor und blockiert ihn, so dass verschiedene Neurotransmitter (Histamin, Noradrenalin, Serotonin, Acetylcholin) dort nicht mehr andocken können. Der Rezeptor ist dann blockiert und kann durch den eigentlich für ihn vorgesehenen Neurotransmitter für eine bestimmte Zeit nicht mehr aktiviert werden.

    Für die Frage, ob man von Antidepressiva zunimmt oder nicht, sind zwei mögliche Rezeptorblockaden interessant:
  • die Blockade von Histamin-Rezeptoren hat eine sedierende Wirkung. Diese Wirkung ist in der Regel erwünscht, die Histamin-Rezeptor-Blockade kann aber auch zu Gewichtszunahme bzw. gesteigerten Appetit führen
  • die Blockade des 5-HT2-Rezeptors kann ebenfalls Appetitsteigerung und Gewichtszunahmen verursachen

    Zu den Antidepressiva, die diese beiden Rezeptor-Typen blockieren, gehören die Trizyklische Antidepressiva (z.B. Amitryptilin, Clomipramin, Desipramin, Doxepin, Trimipramin) und das atypische tetrazyklische Mirtazapin (Remergil®). Bei Mirtazapin sollte man allerdings erwähnen, dass die Blockade der 5-HT2-Rezeptoren gezielt eingesetzt wird, um Nebenwirkungen wie Schlaf- und Sexualstörungen zu verhindern. Eine Rezeptorblockade kann also gleichzeitig erwünschte und unerwünschte Wirkungen haben, die man gegeneinander abwägen sollte.

    Als Faustregel kann man sich merken, dass eine Gewichtszunahme wahrscheinlicher ist, wenn man ein sedierendes Antidepressivum nimmt. Antriebssteigernde Antidepressiva wie SSRI, NARI oder Monoaminoxidasehemmer führen in der Regel nicht zu gesteigertem Appetit oder Gewichtszunahme. Für alle Antidepressiva gilt außerdem, dass Nebenwirkungen nur bei einem Teil der Patienten auftreten. Sinnvoll ist es daher, einen Therapieversuch mit der vom jeweiligen Wirkspektrum erwünschten Substanz zu machen und bei länger anhaltenden Nebenwirkungen gegebenenfalls auf eine andere Untergruppe zu wechseln.
  • Zuletzt aktualisiert am Sonntag, den 04. April 2010 um 20:44 Uhr  

    Kommentare 

     
    0 # Jule 2010-07-06 09:34
    Ich leide seit ca. 10 Jahren (bin 24) immer wieder über Jahre unter Essstörungen. Ich habe mehrere Zusatzindikatio nen wie Zwangserkrankun g, Angst-Panikstörung, wiederkehrende depressive Phasen und habe vorallem aufgrund von Depressionen Antipdepressiva genommen. Da ich leider extrem sensibel auf Medikamente reagiere hatte ich einige Nebenwirkungen und habe aufgrund dessen einige durch"probiert" (über Jahre und in Absprache mit meinem Arzt/Ärztin).
    ABER: AUCH WENN EINE GEWICHTSZUNAHME ERFOLGT: DAS MUSS NICHT NEGATIV SEIN. Manchmal fühlt man sich dabei sogar besser auch wenn man sich das vorher gar nicht vorstellen konnte, und man EMPFINDET das aufgrund der antidpressiven Wirkung evtl. auch anders?
    Antworten