ESSSTÖRUNGEN

Es gibt verschiedene Anzeichen für eine Essstörung. Allerdings können wir niemandem die ultimativen Kriterien an die Hand geben können, durch die man eine Essstörung erkennen könnte. Die im folgenden aufgelisteten Kriterien beziehen sich auf Erfahrungen; eine Norm von Punkten zum Erkennen von essgestörtem Verhalten gibt es leider nicht und atypische Formen kommen häufig vor. Diese Seite ersetzt in keinem Fall eine ärztliche Diagnose.

Folgende Punkte könnten auf eine Essstörung hinweisen:


1. Extremes Unter- oder Übergewicht

Ein wichtiges, aber auch immer wieder überschätztes Kriterium bei der Erkennung einer Essstörung ist selbstverständlich das Gewicht der Betroffenen. Starkes Untergewicht kann genauso wie starkes Übergewicht auf eine Essstörung hinweisen. Allerdings sollte dieser Aspekt des Gewichts nicht als alleiniger Punkt betrachtet werden um ein eventuell gestörtes Essverhalten zu erkennen, da bei manchen Formen der Essstörung (beispielsweise der Bulimie) trotz extrem gestörtem Essverhalten ein normales Gewicht gehalten wird.


2. Gewichtsschwankungen

Mehr als das alleinige Gewicht der Personen könnten Gewichtsschwankungen auf eine Essstörung hinweisen. Betroffene haben oft in kurzen Zeiträumen extreme Gewichtsschwankungen, die alle Gewichtsstufen beinhalten können. Bei solch extremen Schwankungen des Körpergewichts liegt die Vermutung nahe, dass eine Essstörung vorliegen könnte.


3. Nahrungsverweigerung oder übermäßige Nahrungsaufnahme

Ein wesentlicher Punkt einer Essstörung äußert sich im Essverhalten der betroffenen Person. Auffallende Nahrungsverweigerung kann genauso wie übermäßige Nahrungszufuhr ein Anzeichen für ein gestörtes Essverhalten sein.


4. Körperliche Begleiterscheinungen

Oftmals äußern sich bei einer Essstörung auch körperliche Begleiterscheinungen, von denen Kreislaufprobleme eine der häufigsten, nach außen sichtbaren sind. Vor allem bei Unter- und unterem Normalgewicht sind häufig Kreislaufprobleme als körperliche Mangelerscheinungen zu beobachten.

Allerdings müssen gerade bei diesem Kriterium deutliche Grenzen gezogen werden, da Kreislaufprobleme in der Pubertät oftmals auch ohne ein gestörtes Essverhalten auftreten können. Kreislaufprobleme alleine sind somit eher nicht als Hinweis auf eine Essstörung zu deuten, da diese verschiedene Ursachen haben können.


5. Psychische Begleiterscheinungen

Als eine psychische Erkrankung hat eine Essstörung meist auch Auswirkungen auf die Stimmung der Betroffenen, die sich nach außen in starken Stimmungsveränderungen und/ oder -Schwankungen äußern können. Dies kann von depressiven Verstimmungen bis hin zu euphorischen Phasen reichen. Starke Veränderungen sollten immer so weit möglich beobachtet werden um festzustellen, ob es sich um eine kurzzeitige (und somit durchaus normale) oder um eine tiefere und somit eventuell krankhafte Veränderung handelt.


6. Soziale Begleiterscheinungen

Eine Essstörung kann auch soziale Begleiterscheinungen verursachen, die sich oftmals in sozialem Rückzug und extremer Zurückhaltung äußern; aber auch provokatives und exzessives Verhalten kann während einer Essstörung auftreten.

Oftmals nehmen essgestörte Personen auch eine Außenseiterrolle ein, durch die sie sich immer mehr vom sozialen Leben ab- und ihrer eigenen Welt zuwenden. Gerade im Schulalltag können auch Vermeidungen von Veranstaltungen wie beispielsweise Ausflüge oder Klassenfahrten, beobachtet werden.


7. Veränderung der Schulleistung

Parallel mit einer Essstörung kann sich auch die Schulleistung der betroffenen Person verändern. Diese reicht von extremem Perfektionismus und einwandfreien Leistungen bis hin zu Leistungsabfall und Arbeitsverweigerung. Auch das Fernbleiben vom Unterricht kann durch eine Essstörung ausgelöst werden.

Was kann hinter einer Essstörung stecken?

Es ist wichtig zu verstehen, dass eine Essstörung ein „Symptom“ darstellt, eine Bewältigungsstrategie zur Lösung tiefgreifender Probleme. Welche dies genau sind, kann nicht pauschal gesagt werden, da diese Probleme ebenso individuell, wie die Betroffenen selbst sind. Dennoch möchten wir versuchen, einen kleinen Einblick in mögliche Hintergründe einer Essstörung aufzuzeigen, indem wir hier aus eigener Erfahrung sprechen und vorsichtige Rückschlüsse aus unserer langjährigen Beschäftigung mit dieser Thematik ziehen.

Die hier aufgeführten Ursachen führen selbstverständlich nicht automatisch zu einer Essstörung und ebenso gilt natürlich auch, dass diese Ursachen nicht für alle Essgestörten zutreffen müssen.

Mangelndes Selbstwertgefühl

Häufig ist ein geringes Selbstwertgefühl maßgeblich an der Entwicklung einer Essstörung beteiligt. Weiterführend wirkt sich die oft jahrelange Verheimlichung der Essstörung häufig sogar noch zusätzlich negativ auf das Selbstwertgefühl aus. Dies kann so weit führen, dass ein Gefühl von eigener Schlechtigkeit beginnt das gesamte Denken und Handeln zu bestimmen.


Pubertät

Im Prinzip ein somatischer/biologischer Aspekt – ausgelöst durch die Ausschüttung von Hormonen (bei Mädchen Östrogen, bei Jungen Testosteron). Dennoch führe ich diesen Punkt ganz bewusst als psychologischen Einfluss auf. Während dieses Lebensabschnittes wirken sich zusätzliche psychische Faktoren leider nicht selten so gravierend aus, dass es zur Entwicklung einer Essstörung kommen kann. Der biologische Vorgang der Pubertät alleine ist keine ausreichende Erklärung für die Häufigkeit in der eine Essstörung während der Pubertät entsteht.

Nicht selten fühlen sich junge Erwachsene durch das zeitgleiche Auftreten von körperlichen und psychischen Veränderungen innerlich überfordert. Eine Essstörung kann eine „Scheinlösung“ bieten, durch die Kontrolle über den eigenen Körper, die Kontrolle über sich selbst zu behalten, bzw. (zurück) zu gewinnen. Eine Essstörung ist somit häufig ein Symptom, dessen Ursachen in tieferliegenden psychischen Problemen zu suchen sind.

Besonders kritisch ist die Pubertät in Hinsicht auf das eigene geschlechtsspezifische Identitätsgefühl. In dieser Zeit verbessert sich die Urteilsfähigkeit der Heranwachsenden, wodurch das Verhalten bisheriger Autoritätspersonen hinterfragt wird. So kann es zum einen zu einem Widerwillen kommen, dass die Lebensführung der Eltern verurteilt wird. Das Mädchen spürt nie so werden zu wollen wie die eigene Mutter, bzw. der Junge spürt nie so sein zu wollen wie der eigene Vater. Besonders schwerwiegend ist dies, wenn es auch an anderen positiven Vorbildern fehlt, denn dann fehlt es an Alternativen zu dem vom Jugendlichen abgelehnten Frauen- bzw. Männerbild. Zum anderen kann es aber auch zu einer Überforderung mit der Geschlechterrolle kommen, wobei das Mädchen spürt, nie so werden zu können, wie die eigene Mutter, bzw. der Junge spürt, nie so sein zu können, wie der eigene Vater. In beiden Fällen kann es zu dem Versuch kommen, mit der Entwicklung einer Essstörung, dem Körper die geschlechtsspezifische Entwicklung zu untersagen. Dies entspricht dem Wunsch, Kind bleiben zu dürfen und keine spezifische Rolle annehmen zu müssen.

Gefühle: erkennen, an- und ernstnehmen

Wie wir mit unseren Gefühlen umgehen, ist zum einen intuitiv gelenkt: beispielsweise möchten wir weinen, wenn wir traurig sind, möchten wir schreien, wenn wir wütend sind oder lachen, wenn wir fröhlich sind. Da ein direktes Ausleben seiner Gefühle aber nicht immer unbedingt ratsam ist, lernen wir im Laufe unserer Entwicklung (durch das Vorleben unserer Umwelt und die Prägung in unserer Kindheit) unsere Gefühle dennoch ein Stück weit ganz bewusst selber zu lenken.

Häufig ist es der Fall, dass Konflikte in Familien von Menschen mit Essstörungen nicht direkt angesprochen und ausgetragen werden. Es wird geschwiegen und unter den Teppich gekehrt. Für ein Kind kann dies fatale Folgen haben. So kann es zu dem Eindruck gelangen, es empfinde falsch, dürfe keine Wut spüren, fühle übertrieben. Diese Diskrepanz zwischen wahrgenommenen aber „nicht erlaubten“ Gefühlen kann dazu führen, dass Gefühle „weggehungert“ und man selber „passend gehungert“ werden soll.

Ebenso, wie das Verleugnen von Konflikten, kann auch ein generell falscher Umgang mit Gefühlen eine Essstörung begünstigen. Lernt ein Kind beispielsweise wenn es traurig ist, mit Schokolade „abgespeist“ zu werden, anstatt dass sich jemand die Zeit nimmt es zu trösten, so kann dies auch im späteren Leben dazu führen, dass diese Reaktion fortgeführt wird. Auch im höheren Alter kann es dann näherliegend sein, sich selber „etwas zu gönnen“, wenn es einem schlecht geht, anstatt sich jemandem anzuvertrauen und zu versuchen das Problem zu lösen.

Nicht selten ist durch die Erziehung auch die Wahrnehmung des natürlichen Hunger- und Sättigungsgefühls beeinträchtigt. Redensarten, wie „Es wird gegessen, was auf den Tisch kommt“ oder „Wenn du den Teller nicht leer isst, dann gibt es morgen Regen“ führen dazu, dass dem Essen eine weiterführende Bedeutung zugesprochen wird und mehr bzw. generell anders gegessen wird, als naturgegeben der Körper brauchen würde. Das Essverhalten kann so kopfgesteuert werden und dem esoterisch anmutendem „Hören auf den eigenen Körper“ wird eine immer geringer werdende Bedeutung zugesprochen. Nicht selten kann dies einen wesentlichen Faktor bei der Entwicklung von Essstörungen wie Binge Eating oder Adipositas ausmachen.


Kontrollbedürfnis

Das Erleben eines sehr niedrigen Selbstwertes kann dazu führen, dass die Welt als bedrohlich und gefährlich wahrgenommen wird und das Gefühl entsteht in ihr nicht bestehen zu können. Diese Angst kann weiterführend zu einem überdimensionalen Kontrollbedürfnis führen, die Bedrohlichkeit des Lebens irgendwie eindämmen zu wollen. Durch vermeintliche Kontrolle lässt sich kurzzeitig der Selbstwert ein wenig aufwerten, da das Gefühl entsteht, man leiste etwas, man schaffe sich eine Welt, in der man selber sprichwörtlich die „Fäden in der Hand“ hielte. Da sich aber nicht jeder Lebensbereich in dem Maße kontrollieren lässt, kann es zu einem „Rollenspiel“ kommen, hier vielleicht teilweise nur vorzuspielen, dass man die Kontrolle inne hat – beispielsweise nach außen hin ein perfektes, erfolgreiches Leben zu führen – in Wahrheit aber ständig einen Kontrollverlust zu befürchten bzw. sogar zu erleben.

Dieser Zwiespalt ist sehr gut am Krankheitsbild der Bulimie zu sehen: Wird tagtäglich ein Leben im Korsett der Kontrolle geführt, verliert sich diese in hemmungslosen, unkontrollierten Essattacken. Ist die Gier gestillt, entflammt erneut das Kontrollbedürfnis. So wird versucht, die Kontrolle wieder zurückzuerlangen, die Essattacke wieder „rückgängig zu machen“. Die vermeintliche Schwäche wird vertuscht indem wieder die Maske der Kontrolle aufgesetzt wird.

Sexuelle Belästigung

Nicht selten ist leider auch der Fall, dass Essgestörte in ihrem Leben bereits schlechte Erfahrungen im Bereich der Sexualität gemacht haben. Dies reicht von sexueller Belästigung, bis hin zur tatsächlichen Vergewaltigung. Jeglicher nicht gewollte Übergriff seitens eines Mitmenschen stellt eine Untat dar und zerstört ein Stück der Seele. Hier kann das überdimensionale Kontrollbedürfnis ganz speziell auf den Körper bezogen werden. Folgendes Zitat einer Essgestörten macht einen klar nachzuvollziehenden Zusammenhang zur Entwicklung einer Essstörung deutlich:

„In meinen Ess-/Brechattacken hatte ich die Kontrolle über meinen Körper. Ich entschied, was mit ihm passierte. Nicht mein Vater.“

Gesellschaftliche Einflussfaktoren

Gerade in unserer westlichen Gesellschaft sind die Menschen durch Schönheitsideale stark beeinflusst. An jeder Ecke hängen Bilder junger, erfolgreicher, hübscher Frauen. Es wird suggeriert, nur wer vollkommen sei, habe ein Recht auf ein glückliches Leben. Übergewicht wird gerade bei Frauen von der Gesellschaft sehr negativ bewertet. Gelten übergewichtige oft Männer noch als stattlich, so gelten übergewichtige Frauen als fett und unkontrolliert.

Werden junge Menschen in der Pubertät mit solchen Schönheitsidealen konfrontiert, so können sie eine Abneigung gegen die rundlicher werdenden Formen ihres Körpers entwickeln und stark verunsichert werden. Der Körper scheint Dinge zu tun, die er laut des gesellschaftlichen Bildes nicht tun sollte: Sich entwickeln. Models, meist Frauen, die aussehen wie Kinder, schlank und ohne jegliche Rundungen, sollen entgegen der Natur erstrebenswert sein.