1. Das Körpergewicht wird absichtlich unter dem der Körpergröße und dem Alter entsprechendenden Minimum gehalten. Das heißt, es kommt zu einem Gewichtsverlust auf ein Gewicht von 15% oder mehr unter dem zu erwartenden Gewicht, oder es kommt während der Wachstumsperiode zu einem Ausbleiben der erwarteten Gewichtszunahme mit der Folge eines Gewichtes von mindestens 15% unter dem erwarteten Gewicht.
2. Starke Angst vor Gewichtszunahme oder vor dem Dickwerden, obgleich Untergewicht besteht.
3. Störung der eigenen Körperwahrnehmung hinsichtlich Gewicht, Größe oder Form, d.h. die Person berichtet sogar im kachektischen Zustand, sich "zu dick zu fühlen", oder ist überzeugt, ein Teil des Körpers ist "zu dick".
4. Bei Frauen aussetzen von mindestens 3 aufeinanderfolgenden Menstruationsszyklen.
1. Tatsächliches Körpergewicht
ist um 15% unter dem Erwarteten;
oder Quetelets-Index (Körpergewicht
in kg /Körpergröße2) von 17,5 oder darunter.
2. Der Gewichtsverlust ist
selbst herbeigeführt durch
a. Vermeidung von hochkalorischen
Speisen und
mindestens einen der folgenden
Punkte:
b. selbst induziertes erbrechen
c. selbst induziertes abführen
d. übertriebene körperlich
Aktivität
e. Gebrauch von Appetitzüglern
und/oder Diuretika
3. Körperschema-Störung
4. Endokrine Störung
5. Pubertäre Entwicklung
verzögert
Als Nebensymptom kann es
zu einer ausgeprägten Obstipation kommen.
Mit der Zeit treten bei
starkem Untergewicht Probleme wie Hypothermie, Bradykardie, Hypotension,
Ödeme, Lanugobehaarung auf.
Etwa ein Drittel der Patientinnen
war vor Beginn der Erkrankung leichtübergewichtig.
Die Gedanken kreisen ständig
um eine Restriktion der Nahrungsaufnahme. Die Beschäftigung mit Nahrung,
mit Essen und mit Dicksein füllen den Tag aus. Sie stellen kalorienarme
Diäten zusammen, sie essen immer alleine.
Es besteht keine Krankheitseinsicht.
Differentialblutbild
Blutsenkungsgeschwindigkeit,
Nüchternblutzucker
Elektrolyte (Na+, K+, Ca++,
Cl-, PO4++ [Na+ erhöht bei Flüssigkeitseinschränkung, K+
erniedrigt bei Erbrechen, Ca++ erniedrigt bei längerdauernder AN,
Cl- erniedrigt bei Erbrechen, PO4++ erniedrigt bei längerdauernder
AN]
Alkalische Phosphatase,
Harnstoff, Kreatinin, Harnsäure, GOT, GPT, Gamma-GT,
Gesamteiweiß, EW-Elektrophorese,
Serum-Zink,
Lipidstatus [Fredrikson
Typ IIa],
Säure-Basen-Haushalt
[metabolische Azidose],
Hämatokrit,
Schilddrüsenparameter
(fT3, fT4, TSH),
Eisen, EBK,
Quick
Ultraschalluntersuchung des
Ovars [Follikelanzahl, Größe]
Osteodensitometrie [Dichte
erniedrigt]
Harnuntersuchung [spez.
Gewicht erhöht]
Der Wert dieses Screeningprogrammes ist diskutabel, da wir zugrundeliegende organische Erkrankungen nicht durch dieses Routineprogramm, sondern durch spezifischere Untersuchungen entdeckt haben (z.B.: intestinale Tuberkulose), andererseits AN assoziierte Störungen vielleicht einer genaueren Evaluation bedürften (z.B. Hormonstatus)
2. Interne Krankheiten:
Chronisch-konsumierende
Erkrankungen, Hirntumoren (Hypophysenvorderlappen), Darmerkrankungen (Mb.
Crohn, Malabsorption, stenosierende Prozesse).
Bei all diesen Störungen kommt es nie zu dercharakteristischen Angst vor dem Dickwerden.
Folgende pädiatrische
Probleme traten bei uns darüberhinaus auf:
Spannungspneumothorax,
Enteritis bei Malabsorption
durch Zottenatrophie und Motilitätsstörung bei längerdauerndem
Hunger,
Peronäuslähmung.
Durch übertrieben zwanghaft-kontrollierendes
Figurbewußtsein und ritualisiertes Eßverhalten können
Gefühle der Macht und Stärke, die auf andere Weise im Familienverband
nichterreicht werden können, erlebt werden.
Die Patientinnen geraten
oft in soziale Isolation. Die Isolation im Klassenverband wird oft durch
Ehrgeiz kompensiert.
1. Festlegung des Ziel (=Entlassungs-)gewichtes
bei der stat. Aufnahme des Kindes durch den aufnehmenden Arzt, den Psychologen
und das Team in einem gemeinsamen Gespräch mit Eltern und Kind.
(Zur Festlegung des Zielgewichts
verwenden wir die COLE - Slide rule, die nach den Tanner & Whitehouse-Standards,
1984 erstellt wurde, sowie das prämorbide Gewicht)
2. Anfertigung einer Gewichtskurve durch den Patienten, auf der vom Patienten täglich das Körpergewicht eingetragen wird.
3. Tägliches Abwiegen vor dem Frühstück (Feststellung des IST-Gewichts).
4. Erforderliche Gewichtszunahme pro Tag: 100 g (Sollkurve).
5. IST-Gewicht weniger als 1 kg unter dem SOLL-Gewicht: Bettruhe und 500 ml Nutrison per os angeboten, zusätzlich zum Nahrungsangebot.
6. IST-Gewicht 1 kg und mehr unter dem SOLL-Gewicht: Bettruhe und Dauermagensonde (1500-2500 ml Nutrison per Tropf), zusätzlich zum täglichen Nahrungsangebot.
7. Nach Erreichen des Zielgewichtes: Entlassung aus der stationären Behandlung.
8. Nach der Entlassung erfolgen zuerst wöchentliche Kontrollen des Gewichts (in zeitlichem Zusammenhang mit den Terminen der Einzeltherapie). Stationäre Wiederaufnahme bei Unterschreiten eines bestimmten Gewichts (zumeist 1 - 2 kg unter dem Entlassungsgewicht).
Der Vertrag definiert die Krankheit über das Gewicht und nicht, wie oft, als Eßproblem. Allen Beteiligten, auch den Eltern, wird die Regel mitgeteilt, daß es verboten ist, über das Essen zu sprechen. Entscheidend ist, daß das vereinbarte Gewicht im Bereich eines Normalgewichtes liegt, jedenfalls über dem Gewicht, das zum Zeitpunkt des Sistierens der Menstruation bestanden hat.
Konsequenzen aus dem Vertrag:
Täglich in der Früh
werden die PatientInnen gewogen, und der Gewichtswert in die Kurve eingezeichnet.
Diese Eintragung entscheidet jeweils, wie der Tag verbracht wird.
Aus dem "Vertrag" kann die
PatientIn schon von Anfang an ersehen welche Konsequenzen welches Gewicht
(nicht welches Verhalten!) hat.
Liegt das aktuelle Gewicht
über der "Sollinie", ist die Patientin in "Freiheit". Das heißt,
das sie an allen Stationsaktivitäten teilnehmen darf.
Liegt das Gewicht unter
der Sollinie, hat die Patientin Bettruhe, sie darf (außer
zu Psychotherapiestunden) das Bett nichtverlassen. Die Patientinnenwerden
im Bett gewaschen.
Das Essen wird ans Bett
gebracht, zusätzlich wird täglich eine Flasche (1/2 Liter) einer
energiereichen Ernährungslösung angeboten, d.h. zum Bett gestellt.
Ob die Patientinnen normale Nahrung, oder die Zusatznahrung essen, oder
nicht, wird allerdings weder kontrolliert noch kommentiert. Reste oder
die gesamte Mahlzeit werden nach der Essenszeit einfach weggetragen.
Liegt das Gewicht ein Kilo
oder mehr unter der Sollkurve, erhält die Patientin Ernährung
über eine Nasenmagensonde. Die Patientin erhält dabei
eine Ernährung mit einem Energiequotienten von 50-60 Kcal/kg Körpergewicht
und einer Menge von 1500ml/m2 Körperoberfläche/24h.
Als Sonde verwenden wir
eine weiche Duodenalsonde. Die Applikation erfolgt am leichtesten in halbaufrechter
Lage. Die korrekte Lage der Sonde ist durch Aspiration von Magensaft und
Messung des pH der Flüssigkeit (Lackmuspapier verfärbt sich von
blau zu rot) zu überprüfen.
Die Verabreichung der Nährlösung
erfolgt am einfachsten durch eine Pumpe, etwa einen "Nutromaten", mit der
die Ernährungslösung portionsweise zugeführt wird. Die Gaben
pulsatil alle 2 Stunden ermöglichen eine zwischenzeitliche physiologische
Magenentleerung. Das erspart das Gefühl der ununterbrochenen Magenfüllung
und den Wunsch zu erbrechen. Bei manchen Patientinnen die zum Erbrechen
neigen ist es günstiger, die Intervalle zu verlängern.
Essen ist den Patientinnen
auch mit liegender Sonde erlaubt, die normale Ernährung wird ans Bett
gebracht. Wenn es nicht gegessen wird, wird es ohne Kommentar weggeräumt.
Durch diesen Vertrag und
unsere Sichtweise wird die Krankheit von einem Eß- zu einem Gewichtsproblem
umdefiniert. Daher kann Essen oder dessen Verweigerung nicht als Druck-
oder Kommunikationsmittel eingesetzt werden. Das Verstecken von Essen,
Erbrechen, Weiterschenken, etc. ist mit keiner Sanktion verbunden.
Die Vorteile sind:
Klarheit fürPatienten,
Angehörige und Team.
Keine Aufforderung zu symptombezogenen
Strafen.
Steuerbar und absehbar für
die Kinder.
Vermeidung des Themas Essen,
sowohl in der Einzeltherapie, als auch im Stationsalltag.
Zielsetzung des Vertrages
ist die größtmögliche Selbstbestimmung und Eigenverantwortung
der Patienten hinsichtlich ihrer Nahrungsaufnahme. Gefordert wird lediglich
die Teilnahme an den gemeinsamen Mahlzeiten mit den anderen Kindern der
Station (außer bei Bettruhe), ohne daß auf den Patienten bezüglich
seiner Nahrungsaufnahme Druck ausgeübt und auf besondere Nahrungspräferenzen
eingegangen wird.
Verstecken von Nahrung,
Lügen über die Menge der aufgenommenen Ernährung, Tricks,
um Schwestern und Ärzte zu betrügen u.ä.m. kommen kaum mehr
vor. Das Erreichen des vereinbarten Gewichtes liegt in alleiniger Verantwortung
der Patientin, die Folge des von ihr erreichten Gewichtes ist von ihr jederzeit
voraussehbar.
Schwierigkeiten für
das Pflegepersonal:
Am Schwierigsten fällt
es anfangs meist, das Thema Essen zu vermeiden, und nichtgegessenes Essen
ohne Kommentar und ohne Vorwurf zurückzutragen.
Der Umgang mit den Patientinnen
erfolgt konsequent, aber liebevoll.
Die Patientinnen schaffen
es, die Teammitglieder gegeneinanderauszuspielen. ("Sie sind so lieb",
"die andere Schwester erlaubt mir aber...") Die Beachtung der "Gegenübertragung",
der eigenen Gefühle (Von Mitleid zuZorn und Ablehnung -"wenn sie wollte,
könnte sie"-) ermöglicht es, auf dieses Verhalten der Patientinnen
nicht mit Distanzierung und Ablehnung zu antworten.
Eine Gefahr in der Psychotherapie ist der unsachgerechte Umgang mitÜbertragungen. In der Einzelpsychotherapie entwickelt sich oft eine intensive positive Übertragung, eine phantasierte Liebe. Eine Überweisung deshalb kann als Abschieben gewertet werden und ist nicht ungefährlich.
Außer den so wichtigen Veränderungen innerhalb der familiären Kommunikation ist die Kooperation mit der Familie zur Stützung der gesamten Therapie notwendig und entscheidend für die Prognose. Bei Unzufriedenheit der Eltern kommt es häufiger zu Therapieabbrüchen. Tödlicher Ausgang der Erkrankung ist in der Literatur häufiger bei Patientinnen beschrieben, bei denen kein Kontakt zur Familie hergestellt werden konnte. Die Einzeltherapie muß gegenüber der Familie gestützt werden. Die im Rahmen der Entwicklung der Patientin auftretenden Konflikte mit den Eltern werden von diesen häufig auf die Einzeltherapie zurückgeführt, und es kann vorkommen, daß die Eltern den Besuch derEinzeltherapie behindern oder verbieten.
1. Gewichtskontrolle: Bei der Entlassung wird ein Wiederaufnahmsgewicht festgelegt. Dieses liegt an unserer Abteilung meist 1-2kg unter dem Zielgewicht. Zuerst wöchentlich, später in steigenden Zeitabständen kommen die Patientinnen an unsere Station zur Wägung, das aktuelle Gewicht wird in die Ambulanzkarte eingetragen. Dies ist gleichzeitig eine Möglichkeit Kontakt zuhalten. Abzuraten ist vom Wiegen an anderer Stelle, und durch unbekannte Personen. Liegt das tatsächliche Gewicht unter dem vereinbarten Wiederaufnahmsgewicht kommt es zu einer sofortigen stationären Aufnahme entsprechend dem Schema bis zum neuerlichen Erreichen des Entlassungsgewichtes.
2. Fortführung der
Psychotherapie
a. Einzeltherapie
Weiterführung bei gleichem
Therapeut wie stationär. Eine Überweisung funktioniert oft nicht,
es kommt häufig zu einem Therapieabbruch. Möglich ist der Beginn
der Einzeltherapie bei einem niedergelassenem Therapeuten schonwährend
des stationären Aufenthaltes
b. Familie
Die ambulante Betreuung
wird bis zu einer Stabilisierung des Gewichtsverlaufes und der Ablösung
aus der Psychotherapie fortgesetzt.
3. Behandlungsende Nach den anfänglichen ersten Kilos ist zwar die akute Lebensgefahr gebannt, doch die der Krankheit zugrundeliegenden Denkmuster sind unverändert geblieben. Das Zielgewicht muß jedenfalls über dem Gewicht sein, bei dem die Menstruation sistierte. Für viele Patientinnen ist die "50-kg Grenze" ein wichtiger Punkt. Keinesfalls sollte eine Ernährung mittels Infusionstherapie versucht werden.
B e h a n d l u n g s v e r t a g für Kinder und Jugendliche für den Aufenthalt auf der psychosomatischen Station der Kinderklinik. Ich bin auf meinen eigenen Wunsch zur Behandlung meiner Probleme hier. Die für mich bestimmte Behandlung wurde mir erklärt: Sie besteht aus Schulbesuch / Bewegungs- und Sportprogramm / Einzelgesprächen /Familiengesprächen / Gruppenaktivitäten /Medikamente und braucht in jedem Falle meine persönliche Mitarbeit. Während des stationären Aufenthaltes akzeptiere ich die Regeln der Stationsordnung und werde mich daran halten. Für mich zuständig ist im besonderen: Frau/Herr ............... Frau/Herr................ Frau/Herr ............... Graz, am ...................................
V E R T R A G Graz, am . . . . . . . Ich erkläre, daß ich zur bestmöglichen Behandlung meines Kindes mit den Mitgliedern der Psychosomatischen Station zusammenarbeiten werde. Dazu bin ich bereit, den Aufforderungen nach Information und regelmäßigen Kontakten (Aufnahme/Zwischen/Abschlußgespräche und Gespräche unter Hinzuziehung aller Angehörigen) nachzukommen. Ich nehme zur Kenntnis, daß mangelnde Bereitschaft zur Zusammenarbeit den Genesungserfolg und die Gesundung meines Kindes gefährden kann. Das Team der Station behält sich das Recht vor, bei mangelnder Zusammenarbeit die Weiterführung eines therapeutischen Aufenthaltes abzulehnen ..................... .................... Die Erziehungsberechtigte/en Gesehen:................Kind.......................Arzt................Schwester
WAS DU NOCH WISSEN SOLLTEST Hallo ............................... ! Auf der Rückseite dieses Blattes findest Du eine Tabelle, in der Du bitte im Krankenhaus Dein Gewicht einträgst. So hast Du immer einen Überblick über den Verlauf. Sag bitte Deinen Eltern, daß Du von jetzt an ALLEIN für Dein Gewicht verantwortlich bist. Bitte Deine Angehörigen und Freunde nicht mehr über Essen oder Gewicht oder über Deine Figur zu diskutieren, das ist einzig und alleine DEINE Sache. Dr. ............................... wird Dich weiterhin betreuen. Dr. ............................... ist für Anfragen für Deine Eltern zuständig. Wenn Du irgendwelche Fragen oder Sorgen hast, ruf uns doch einfach an, oder schreib uns. Unter der Nummer 385/2964 (Psychosomatik) oder 385/2636 (Ambulanz) ist immer jemand für Dich zu erreichen Viel Erfolg wünscht Dir Dein "Team" Universitäts-Kinderklinik, Psychosomatik Auenbruggerplatz 30, A-8036 GrazAmbulanzkartentext Rückseite:
Wiederaufnahme bei . . . . . kg Datum Gewicht Therapeut Therapie Bemerkungen _____ ________ ________ ________ _____________________ _____ ________ ________ ________ _____________________ _____ ________ ________ ________ _____________________ _____ ________ ________ ________ _____________________ _____ ________ ________ ________ _____________________ _____ ________ ________ ________ _____________________
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Anschrift der Verfasser:Dr. Alex TrojovskyPädiatrische Psychosomatik und Psychotherapie Univ.-Kinderklinik Graz aktuell: Institut für Medizinische Biologie und Humangenetik Universität Graz Harrachgasse 21/8 A-8010 Graz alexander.trojovsky@kfunigraz.ac.at or step over to
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